Meine Frau weiß mehr über meinen Chef als meine Kollegen
Warum Auskotzen sich anfühlt wie Reden, aber nichts verändert!
Es ist Sonntagabend, kurz nach halb neun. Die Teller sind weggeräumt, das Licht in der Küche ist noch an, und du lehnst dich zurück. Dann fängst du an.
Es geht um den Termin am vergangenen Donnerstag. Darum, wie dich dein Chef vor allen abgebügelt hat. Darum, dass er schon wieder alles umgeschmissen hat, obwohl vorher alles besprochen war.
Und dein Mann bzw. deine Frau hört dir zu und nickt.
Nur ist das jetzt das dritte Mal, dass du diese Geschichte erzählst.
Und im Büro hast du seit Monaten diesbzgl. nichts gesagt.
Mein Verdacht
Und jetzt sage ich dir was, das erstmal wehtut. Du redest seit Monaten über ihn und kein einziges Mal mit ihm. Zu Hause fällt es dir leicht, das alles auszusprechen. Im Büro nicht. Und das hat nichts mit Mut zu tun.
Das ist keine Feigheit. Dir hat nur nie jemand gezeigt, wie man so ein Gespräch überhaupt anfängt.
Im Sport bspw. wird nach jedem Spiel ausgewertet. Was hat funktioniert, was nicht, was machen wir nächste Woche anders. Und zwar mit dem Trainer, nicht hinter seinem Rücken.
Im Büro gibt es einmal im Jahr ein Gespräch. Und da geht es primär um Zahlen.
Ich will ehrlich sein
Ich habe das jahrelang genauso gemacht. Daher weiß ich, dass genau das funktioniert. Sonst würdest du es nicht seit Monaten machen.
Du redest es raus, der Druck ist weg, du schläfst besser. Das ist nicht dumm. Das ist völlig nachvollziehbar.
Bei mir war das in meiner PUMA-Zeit. Ich hatte einen Geschäftsführer über mir, der mich ans Limit getrieben hat. Und wenn ich dann nach Hause gekommen bin (war ja immer am pendeln) habe ich meiner Frau erzählt, was mich an ihm stört. Was er meiner Meinung nach falsch entschieden hat. Was er gesagt und getan hat, warum das alles Quatsch ist.
D.h. ich wollte keinen Rat. Ich wollte Verständnis. Ich wollte, dass meine Frau sagt: Du hast recht, der ist unmöglich.
Und dann hat sie einen Satz zu mir gesagt, den ich damals nicht hören wollte.
"Chris, das ist deine Sichtweise. Aber vielleicht sieht und beurteilt dein Chef es ja ganz anders. Vor allem aus seiner Position gesprochen. Seine Aufgabe und seine Verantwortung sind andere. Denk doch mal darüber nach."
Das hat gesessen, wir die rechte Grade eines Boxers. Eine Antwort, die mich in dem Moment richtig genervt hat.
Kennst du das? Dass du etwas erzählst und der andere dir nicht recht gibt?
Und weißt du, was am Montag drauf - trotz dieser Erkenntnis - passiert ist? Nichts! Ich saß in derselben Situation und habe wieder nichts gesagt.
Im Fußball gibt es diese Situation, jede Woche. Den Tag nach dem Spiel trainieren die, die am bspw. am Samstag nicht gespielt haben, getrennt von der Mannschaft. Und die stehen da zu dritt, zu viert, und ziehen oftmals über den Trainer her. "Der hat keine Ahnung. Der sieht doch gar nicht, was wir hier machen. Der kann nichts."
Und keine fünfzig Meter weiter ist die Tür zu seinem Büro. Aber da geht keiner rein.
Und deswegen ist diese Form des Abkotzens kein Ventil, sondern mehr vom Gleichen.
Es gibt einen Spieler, bei dem genau dieser Moment dokumentiert ist.
Dezember 2013, Chelsea. Kevin De Bruyne ist damals 22 und spielt unter Mourinho fast nicht mehr. Zwei von vier Spielen von Beginn an, danach wartet die Bank. Eine Erklärung dafür hat er nie bekommen.
Dann ruft Mourinho ihn ins Büro.
Und der legt ein paar Blätter auf den Tisch. Statistiken. Ein Assist, kein Tor. Und dann liest er ihm die Zahlen der anderen vor. Willian, Oscar, Mata, Schürrle. Fünf Tore, zehn Tore etc.
De Bruyne sagt später, er habe eine Minute gebraucht, um zu verstehen, worauf das hinausläuft.
Er hält dagegen. Er sagt, die anderen hätten fünfzehn bis zwanzig Spiele gemacht, er drei.
Und dann kommt der Satz von Mourinho: Wenn Mata geht, bist du meine fünfte Wahl statt meiner sechsten.
Merkst du, was das für ein Gespräch war? Das war keine Ermutigung. Das war eine Abfuhr.
De Bruyne bittet daraufhin nicht um eine Leihe. Er bittet um den Verkauf.
Im Januar geht er nach Wolfsburg. Eineinhalb Jahre später ist er Vizemeister, Pokalsieger, und Manchester City legt vierundsiebzig Millionen für ihn hin.
Und jetzt kommt der Punkt, um den es mir geht.
Dieses Gespräch hat ihm nicht gegeben, was er wollte. Er wollte spielen und hat gehört, dass er fünfte Wahl ist.
Aber er hatte eine Antwort. Und mit einer Antwort kannst du etwas anfangen.
Am Küchentisch bekommst du keine Antwort. Da bekommst du Zustimmung.
Und jetzt schauen wir mal, warum das so hartnäckig ist.
Auskotzen fühlt sich fast an wie ein Gespräch. Du hast geredet, du hast es ausgesprochen, es ist raus. Nur eben beim Falschen.
Und hier wird es unangenehm, denn alles, was du oft genug wiederholst, wird besser. Das ist ja der Sinn von Training.
Nur wird bei dir nicht das Gespräch besser. Deine Geschichte wird besser.
Nach drei Monaten kannst du sie fehlerfrei erzählen. Du weißt genau, wo die Pointe sitzt und an welcher Stelle der andere den Kopf schüttelt. Aber in das Gespräch, um das es eigentlich geht bzw. gehen müsste, hast du keine einzige Minute investiert.
Du trainierst jede Woche. Nur leider die falsche Bewegung.
Und genau da klemmt es. Denn wer nicht mehr mitentscheidet, verliert Spielraum. Und wer Spielraum verliert, redet zu Hause noch mehr darüber.
Und dann kommt der Punkt, an dem das Erzählen selbst zur Gewohnheit wird. Da geht es gar nicht mehr um Lösung. Da geht es nur noch darum den Frust loszuwerden.
Deswegen, sei mal ehrlich mit dir: Willst du am Sonntagabend eine Lösung? Oder willst du recht haben bzw. Zuspruch bekommen?
Und jetzt eine Sache für diese Woche.
Und ich verspreche dir, die ist leichter, als du denkst.
Du musst nichts sagen. Du sollst nicht in sein Büro marschieren. Nicht diese Woche.
Nimm dir fünf Minuten und ein Blatt Papier. Und schreib den einen Satz auf, den du eigentlich im Büro sagen müsstest.
Einen Satz. Ausformuliert, nicht als Stichwort. Nicht drei Seiten Begründung.
Dann legst du das Blatt weg. Mehr passiert nicht.
Das kommt übrigens aus der Sportpsychologie. Da legen Athleten ihre Taktik vorher fest, statt sie im Moment zu suchen, wenn sie sie benötigen.
Und wenn du magst, gehst du noch einen Schritt weiter.
Im Fußball und im Tennis bspw., schaut sich vor jedem Spiel jemand an, wie der Gegner steht, welche Muster er oder sie immer und immer wieder abspult. Wohin er unter Druck geht. Was sie nicht mag. Nicht um ihn fertigzumachen, sondern damit man weiß, was einen erwartet.
Im Büro kommst du morgens und wartest ab, was der Tag so bringt. Mach es anders. Schreib noch zwei Zeilen dazu. Notiere bspw. was deinem Chef wichtig ist? Worauf achtet er? Wofür wird er von oben gemessen? Mag er es kurz und knapp, oder lang und ausführlich?
Das ist genau der Satz, den meine Frau mir damals gesagt hat, nur als Übung.
Und ich sage dir, was dabei bei den meisten passiert. Es dauert keine fünf Minuten, sondern zwanzig. Weil sie merken, dass sie zwar seit Monaten reden, aber noch nie einen einzigen klaren Satz daraus gemacht haben.
Wenn du den Satz nicht aufschreiben kannst, kannst du ihn auch nicht sagen. Dann bleibt dir nur der Küchentisch.
Stell dir mal einen Sonntagabend vor, an dem ihr über was anderes redet.
Nicht weil du dich zusammenreißt. Sondern weil das Thema am Dienstag im Büro erledigt wurde.
Genau das heißt übrigens Arbeit und Privates trennen. Nicht, dass du weniger arbeitest. Sondern dass die Sachen der Firma in der Firma bleiben, statt jeden Abend mit an deinen Tisch zu kommen.
Und jetzt löse ich noch auf, was ich am Anfang gesagt habe.
Zu Hause fällt es dir leichter, weil dort nichts auf dem Spiel steht. Niemand widerspricht dir wirklich, niemand bewertet dich dadurch fürs nächste Jahresgespräch anders, es kann nichts schiefgehen.
Und genau deshalb ändert sich dort auch nichts.
Wenn du etwas ändern möchtest und wissen willst, wo bei dir gerade klemmt, dann mach meinen Selbsttest. Der ist kostenlos und dauert zehn Minuten. Und ich würde ihn diese Woche machen, solange dir der Sonntagabend noch frisch im Kopf ist.
Niemand sieht das Ergebnis außer dir.
Du bist nur sieben Prinzipien davon entfernt, ein:e Business-Athlet:in zu werden. #PlayMentallyStronger
Dieser Blog hat dich an einer Stelle getroffen? Ein möglicher Hinweis darauf, dass du an deinem MINDSE7 arbeiten solltest. Schau doch einfach mal, völlig kostenfrei und unverbindlich, wo du stehst?
Abboniere jetzt den Newsletter!
Jede Woche ein Impuls für Leistungsträger:innen, die merken: Die nächste Stufe kommt nicht durch mehr Fleiß. Kein Spam, kein Verkaufsgewäsch.
Kein SPAM. Deine Daten bleiben bei mir. Versprochen.