Leerer Blick als Sinnbild für einen Titel, der nur geliehen war

Wer bist du ohne deinen Job? Zwei Wochen nach PUMA war es plötzlich still.

 

Zwei Wochen nach meinem letzten Tag bei PUMA hat das Telefon irgendwann einfach aufgehört zu klingeln.

Nicht weniger geklingelt. Aufgehört.

Im Sport ist dieses Phänomen sogar noch schneller. Am Tag nachdem jemand seine Profikarriere beendet, klebt am Spind schon ein anderer Name.

Und ich sage dir gleich, warum mich das damals härter getroffen hat als die Kündigung selbst.

 

Wie stellst du dich eigentlich vor?

Pass auf, ich frage dich etwas ganz Banales. Wie stellst du dich vor, wenn dich auf einer Feier jemand fragt, was du machst?

Ich wette, spätestens im zweiten Satz kommt eine Position oder Funktion. Vielleicht eine Abteilung. Vielleicht ein Firmenname, von dem du hoffst, dass ihn dein Gegenüber kennt, oder jemand mit dem du zusammenarbeitest und den man kennen müsste.

Kommt dir bekannt vor? Super!

Dann schau mal, wo das überall drinsteckt.

In deiner E-Mail-Signatur, unter deinem Namen, eventuell weil CD, und eine Schriftgröße kleiner.

Auf deinem LinkedIn-Profil, direkt in der Zeile unter dem Foto und deinem Namen.

Auf der Visitenkarte, die du beim ersten Termin über den Tisch schiebst.

Und wenn du ehrlich bist, auch in diesem kleinen Stolz, den du spürst, wenn jemand sagt: Oh, bei denen arbeitest du?

Ich frage dich das nicht, um dich auf frischer Tat zu ertappen. Ich frage es, weil ich das kenne.

 

Meine Rollen

Ich hatte bei PUMA richtig gute Rollen. Und ich nenne dir zwei Titel ganz bewusst, damit du siehst, worum es mir geht. Nicht um anzugeben, nur um es klarzumachen.

Team Head Merchandising Teamsport DACH.

Und danach Global Senior Partnership Manager Borussia Dortmund.

Rein vom lesen her, haben die schon Power, oder?

Und sie hatten Wirkung. Türen sind aufgegangen. Mails wurden schneller beantwortet. Wenn ich in einem Raum stand, wusste jeder, warum ich da bin. Im Restaurant gab es schneller einen Platz, etc. pp.

Ich habe das genossen. Nicht ein bisschen. Sehr.

Das ging so weit, dass ich damals wirklich geglaubt habe, das bin ich. Der Typ, der das macht. Der, den man anruft, wenn man in dieser Konstellation etwas braucht, der bin ich bzw. das bin ich.

Was ich nicht verstanden habe, ich habe die Rolle nicht gespielt. Ich habe geglaubt, ich bin sie.

 

Der letzte Tag

Und dann kam irgendwann doch der letzte Tag.

Laptop abgeben, Mitarbeiterkarte abgeben, Handy abgeben, Autoschlüssel abgeben, Büroschlüssel abgeben. Das alles dauerte ungefähr zwei bis drei Stunden.

Eine Verabschiedung wollte ich nicht, das war mir zu emotional. Und dann gehst du aus der Firma, stehst auf dem Parkplatz und hast keinen Titel mehr. Alles ist in dem Moment vorbei. Du hast keinen Zutritt mehr zu dem was 11 Jahre normal war.

Aber das war nicht der schlimme Teil. Der kam später.

 

Die zwei Wochen danach

Die ersten Tage bist du noch im alten Modus. Da läuft es nicht mehr ganz normal, aber zumindest ein bisschen. Die Leute melden sich noch, sind neugierig, wollen wissen wie du bestimmte Dinge gemacht hast, wünschen alles Gute, manche schicken dir über WhatsApp ein Herz.

Dann wird es leiser. Und danach wird es still.

Nach ungefähr zwei Wochen habe ich abends auf mein Handy geschaut und gemerkt, dass da den ganzen Tag nichts war. Kein Anruf. Keine Nachricht, bei der es um irgendetwas ging.

Und ich habe da gesessen und mir wörtlich gedacht: "Die haben nie mich angerufen."

Die haben die Rolle angerufen, die ich ausgefüllt habe.

Das war ein ziemlich unangenehmes Gefühl. So ein Druck auf der Brust, den man nicht wegatmen kann. Weil du in dem Moment merkst, dass ein Teil von dem, was du für dich selbst gehalten hast, gar nicht dir gehört hat. Er war geliehen.

 

Der Satz vom Porsche-Chef

In dieser Zeit musste ich an einen Satz denken, den mir mal ein Porsche-Geschäftsführer gesagt hat. Sinngemäß ging der so:

Du weißt erst, was dein Telefonbuch wert ist, wenn du keine Visitenkarte mehr hast, die dir aufgrund deines Titels Türen und Tore öffnet.

Ich fand den Satz damals ein bisschen kokett. So einer, den man sagt, wenn man selbst ganz oben sitzt.

Aber er hatte recht und war tatsächlich der erste, der sich nicht mehr gemeldet hat.

Und ich habe doch zu Beginn dieses Blogs über die Profikarriere gesprochen. Die, bei der ruckzuck ein neuer Name am Spind klebt. Ein paar wenige bekommen ein Abschiedsspiel, ein Amt im Verein, einen Platz im Fernsehen. Weil sie über Jahre Leistung, Historie und Verdienste aufgebaut haben.

Aber das sind die Ausnahmen. Bei den allermeisten weiß am Tag danach niemand, was sie jetzt eigentlich machen. Und es interessiert auch keinen mehr. Plötzlich ist es also ganz still.

Nicht weil sie schlechte Menschen wären. Sondern weil das, was sie interessant gemacht hat, an eine Position gebunden war. Und die Position ist jetzt anderweitig besetzt.

 

Der Preis, über den keiner spricht

Und jetzt kommt der Teil, der mir eigentlich wichtiger ist als das Titelthema selbst.

Denn wenn du dich über deine Position definierst, passiert nicht nur eine einzige Sache. Es passiert eine ganze Kette.

  1. Du spielst eine Rolle, für die du unterschrieben hast. Erstmal im Büro und das ist auch okay und gehört dazu.
  2. Irgendwann spielst du sie auch außerhalb. Auf der Feier. Beim Elternabend. Am Familientisch. Du merkst es selbst nicht mehr, weil es sich normal anfühlt und den Großteil deines Tages einnimmt. Deine Rolle wird zur Gewohnheit. 
  3. Du verstellst dich mit der Zeit. Ein bisschen glatter, ein bisschen souveräner, ein bisschen weniger du. Ein bisschen mehr Rolle und Erwartung an die Rolle. 
  4. Und nun der teure Teil: Du selektierst und sortierst.

Du triffst dich seltener mit den Leuten von früher. Weil die dich nicht als "Global Senior irgendwas" kennen, sondern als den Peter aus der Mittelstufe. Und weil das Gespräch mit ihnen anstrengender ist, weil sie dich normal behandeln. Und wenn du gerade jemand anderes sein willst, distanzierst du dich.

Dafür wächst der neue Kreis. Die aus der Branche. Die, mit denen man abends noch einen trinkst, weil man morgen sowieso wieder im selben Termin sitzt.

Und dann kommt der Tag, an dem die Rolle weg ist. An diesem Tag stand ich auch.

Du merkst, dass die Leute im neuen Kreis wunderbar waren, solange es lief. Die waren nicht falsch. Die hatten mit dir nur nie etwas anderes gemeinsam als eine Position. Man kann es auch Interessengemeinschaft nennen.

Und die Leute aus dem alten Kreis, die es immer ehrlich mit dir meinten, die auch dann da wären, wenn es gerade nicht läuft, mit denen hast du vielleicht seit vier Jahren nicht mehr richtig geredet.

Das ist kein Vorwurf an irgendwen. Das ist einfach das, was passiert, wenn man sich über etwas definiert, das einem nicht gehört und nur temporär geliehen ist.

 

Jeder ist ersetzbar. Und das ist gut so.

Deswegen kommt jetzt eine Sache, die dir vielleicht erstmal gegen den Strich geht, so wie sie den meisten gegen den Strich geht und auch mir gegen den Strich ging.

Vielleicht stört es dich, dass der Spind am nächsten Tag einen anderen Namen trägt. Aber das muss so sein.

Ein Verein, der einen Spieler nicht ersetzen kann, ist schlecht geführt. Ein Unternehmen, das eine Position nicht nachbesetzen kann, hat ein Problem, und zwar ein größeres als du.

Die Qualität kann unterschiedlich sein, logo. Der Nächste ist vielleicht besser, vielleicht schlechter. Aber es geht weiter. Es muss weitergehen.

Jeder ist ersetzbar. Und das ist kein Makel, das ist ein Zeichen, dass der Laden funktioniert.

Und wenn du diesen Satz einmal wirklich verdaut hast, kommt automatisch die nächste Frage.

Wenn die Position sowieso weiterläuft, mit dir oder ohne dich, wer oder was gehört dann eigentlich dir? Wer oder was bist du?

Du hast jahrelang Titel gejagt. Das war nicht falsch. Sie waren nur nie darauf ausgelegt, dir zu sagen, wer du bist.

Dein Titel gehört nicht dir. Er gehört einer Firma, einem Organigramm, einer Entscheidung, die drei Ebenen über dir getroffen wurde. Er ist geliehen, und er kann dir jederzeit abgenommen werden, ohne dass du irgendetwas falsch gemacht hast.

Was dir gehört, ist etwas anderes.

Wie du unter Druck reagierst. Wie du mit Leuten redest, wenn es unangenehm wird. Was du kannst und machst, wenn keiner zuschaut. Wie schnell du dich in ein neues Thema reindenkst. Wer dich nach zehn Jahren immer noch anruft, obwohl er nichts von dir will.

Das nimmt dir keiner ab. Es steht nur leider auf keiner Visitenkarte.

Du bist nicht deine Rolle. Du spielst bzw. füllst sie gerade nur.

 

Herkules-Muskel oder Achilles-Ferse

Damit du merkst, dass das nicht meine private Kränkung ist, die ich dir hier erzähle, lass uns in die Wissenschaft schauen.

In der Sportpsychologie gibt es dafür ein ganzes Forschungsfeld. Britton Brewer und seine Kollegen haben 1993 einen Aufsatz veröffentlicht, dessen Titel eigentlich schon alles sagt.

Athletic Identity: Hercules' muscles or Achilles heel? Soll heißen: Sportleridentität, Herkules-Muskel oder Achilles-Ferse?

Das ist ungefähr wie die Nocken unter einem Fußballschuh. Genau das, was dir Halt gibt und dich schnell macht, ist auch das, was dich langlegt, sobald der Untergrund wechselt und nicht mehr für den Nockenschuh ausgelegt ist.

Sie haben gemessen, wie stark sich Sportler:innen über diese eine Rolle definieren. Und die Forschung dazu zeigt seitdem ziemlich konstant dasselbe. Je ausschließlicher jemand sich über die Rolle definiert, desto härter wird der Übergang, wenn sie wegfällt.

Und jetzt hör genau hin, warum das ein Muskel ist, den man trainieren kann, und keine Schwäche.

Dieselbe Identität, die dich morgens um sechs aus dem Bett holt, dich Schmerzen aushalten lässt, dich dranbleiben lässt, wenn andere längst aufgegeben haben, ist genau die, die dich niederstreckt, wie ein KO beim Boxen, sobald sie weg ist.

Sie ist kein Fehler. Sie ist der Grund für deine Leistung.

Sie ist nur nicht dein Fundament. Und wenn das bei Menschen so ist, deren ganzer Beruf Leistung ist, dann sag mir mal, warum es bei dir anders sein sollte.

 

Mein eigener Satz taugt auch nichts

An der Stelle kurz was Ehrliches. Ich schreibe das nicht, weil ich das alles perfekt für mich gelöst hätte. Ich mache genauso Fehler wie viele andere auch. Damals genauso wie heute.

Wenn mich jemand fragt, was ich mache, dann sage ich, nebst meinem Vertriebsjob im Großkundenbereich in der Automobilbranche:

"Ich helfe Leistungsträgern im Business, durch verbesserte Selbstführung zum Business-Athleten zu werden."

Klingt nicht schlecht, oder?

Ist aber eigentlich genau derselbe Mechanismus. Mit einem Unterschied, das Bestreben, ein:e Business-Athlet:in zu werden, entspringt meiner MINDSE7-Philosophie und nicht irgendeiner Vision anderer.

Leistungsträger:in. Selbstführung. Business-Athlet:in. Das sind Begriffe, hinter denen ich stehe, sonst würde ich sie nicht benutzen.

Aber trotzdem beschreiben sie erstmal eine Art Kategorie, die besetzt werden will.

Stell dir vor, du sagst diesen Satz auf einer Feier. Dein Gegenüber nickt, sagt "ah, spannend", und weiß danach genau gar nichts, richtig?

Ich besetze diese Kategorie jetzt seit ca. einem Jahr. Und trotzdem ist es nicht so, als würde mein Nachbar direkt verstehen, was ich da genau mache, wofür ich es mache und warum.

Trotzdem, ich arbeite dran. Jeden Tag! Um Menschen die Hand zu reichen, sodass sie sich idealerweise das ersparen, was ich erlebt habe.

 

Deine Aufgabe für diese Woche

Und bevor du dir jetzt etwas vorwirfst, lass es!

Dass du dich über deine Rolle definierst, ist kein Fehler. Das ist das Einzige, was uns von klein auf beigebracht wurde. Frag mal ein Kind, was es später werden will. Die meisten antworten mit einem Beruf, nicht mit einer Leidenschaft oder einer Eigenschaft und wissen oftmals gar nicht warum.

Und wenn du bis hierher gekommen bist, ohne dass dir das je jemand gezeigt hat, dann stell dir mal vor, was passiert, wenn du es weißt.

Genau das ist für mich der Unterschied zwischen einem:r Leistungsträger:in und einem:r Business-Athlet:in.

Der oder die Leistungsträger:in ist die Rolle, ein Etikett. Es verliert sich, wenn sie weg ist.

Der oder die Business-Athlet:in spielt sie. Richtig gut sogar. Und ist dementsprechend flexibel, weil er oder sie weiß, dass die Rolle, der Titel, die Position nur geliehen ist.

Wenn dir das gerade Angst macht, ist das kein Charakterfehler. Es ist das Muster, das entsteht, wenn deine Selbstführung nicht trainiert ist.

Kein Stress, du musst dafür jetzt nicht direkt zum Chef rennen, etwas verändern oder sogar kündigen.

Ich habe nur eine einzige Sache für dich, und die dauert fünf Minuten.

Ruf diese Woche einen Menschen an, den du seit über einem Jahr nicht mehr angerufen hast und der nichts mit deinem Job zu tun hat. Es ist kein besonderer Anlass nötig. Ruf einfach nur an.

Das ist die einzige Investition, die auch dann noch da ist, wenn der Spind einen anderen Namen trägt.

Und das hier ist nichts für die, die nur auf die nächste Beförderung warten und glauben, dann würde alles besser. Es wird nicht besser. Es wird nur zu einer Art Verlängerung mit einem anderen Titel.

Wenn du wissen willst, wo es bei dir gerade am meisten klemmt und am meisten Verbesserungs- bzw. Optimierungsbedarf gibt, dafür gibt es meinen Selbsttest. Er dauert nur ein paar Minuten, ist kostenlos, und du siehst, wo innerhalb der sieben Prinzipien dein größter Hebel liegt.

Und jetzt, zum Abschluss die Frage, an der ich selbst noch knabbere.

Wenn du deinen Job nicht nennen dürftest: Wie stellst du dich vor?

Drei Wörter reichen und ich mache den Anfang: Ich bin Chris. Authentisch, ehrlich, mutig.

Und du?

Denk dran, du bist nur sieben Prinzipien davon entfernt, ein:e Business-Athlet:in zu werden.

#PlayMentallyStronger

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