Mental Longevity: Dein Körper bekommt alles. Dein Kopf viel zu wenig.
Du kennst das Regal. Supplements links. Kollagen rechts. Irgendwo dazwischen ein Produkt, dessen Name du nicht aussprechen kannst, aber dessen Versprechen sich richtig anfühlt: “länger jung bleiben, langsamer altern.”
Vielleicht bist du sogar schon in einer Kältekammer gestanden. Minus 110 Grad. Drei Minuten. Danach dieses Gefühl, als hättest du etwas extrem Wichtiges für dich getan.
Ich meine das nicht ironisch. Ganz im Gegenteil, ich finde es mega, wenn Menschen sich Gedanken darüber machen, wie sie möglichst lange gesund und leistungsfähig bleiben.
Der globale Markt für Longevity-Supplements wurde 2024 auf 7,4 Milliarden Dollar geschätzt. Deutschland gehört dabei weltweit zu den fünf größten Wellness-Märkten. Menschen geben viel Geld dafür aus, dass ihr Körper möglichst lange jung bleibt.
Und das ist gut so. Aber ich habe eine Frage, die mich seit Monaten nicht loslässt.
Was ist eigentlich mit deiner mentalen Longevity und warum redet kaum jemand darüber?
Körperliche Longevity ist inzwischen eine Art Lifestyle. Kältekammer. Infrarotlicht. Intervall Fasten. Schlaflabor. Man trackt den Tiefschlaf. Man optimiert, misst, justiert.
Mentale Longevity? Die meisten würden sagen: Ja, klar, ich lese. Ich arbeite. Ich bin geistig aktiv. Aber hier ist die Frage, die wehtut:
Wann hast du zuletzt aktiv etwas getan, damit dein Kopf langfristig schärfer, stabiler und belastbarer wird?
Nicht produktiver. Nicht effizienter. Sondern wirklich schärfer. Klarer unter Druck. Geistig frischer und nicht nur beschäftigt.
In Deutschland wurde der Markt für persönliche Entwicklung 2024 auf über 3,1 Milliarden Dollar geschätzt. Ein Großteil davon fließt in Produktivitätstools, Zeitmanagement, Führungskräfteentwicklung.
Aber wie viel davon ist wirklich mentale Longevity, also die langfristige Fitness des Gehirns als Organ? Sehr wahrscheinlich, wenig.
Das Missverständnis
Und für viele von uns, die eine gewisse Sportbegeisterung haben, ist es völlig logisch, dass Muskeln nur dann wachsen, wenn man sie gezielt und mit dem richtigen Trainingsprogramm belastet.
Das Gehirn funktioniert nach demselben Prinzip, aber die meisten behandeln es anders. Es kann neue Verbindungen bilden und sich reorganisieren, bis weit in die achtziger und neunziger Lebensjahre hinein. Neuroplastizität hört nicht mit dem Berufseinstieg auf.
Das ist die gute Nachricht. Aber das passiert nicht automatisch. Sondern durch gezielte, bewusste Herausforderung. Nicht durch Routine. Nicht durch Autopilot. Auch nicht durch täglich immer wieder ähnlich ablaufende Meetings oder Arbeitsinhalte, damit verbundenen, ähnlichen Entscheidungen nach denselben Mustern. Und das rächt sich nicht morgen, sondern in zehn Jahren.
Was Novak Djokovic darüber weiß
Der Joker ist mittlerweile 37. Er spielt noch immer auf dem höchsten Niveau, das man im Tennis spielen kann. Nicht weil er der Fitteste ist. Mit 37 bist du physisch nie der Fitteste im Feld.
Nein, vielmehr durch das, was er schon solange praktiziert, mentales Training. Er meditiert täglich. Er visualisiert Spielsituationen, nicht um sie zu planen, sondern damit sein Kopf unter Druck ruhiger reagiert. Er hat jahrelang mit Mentaltrainern gearbeitet. Nicht weil sein Spiel schlecht war. Sondern weil er vor allem eines verstanden hat: Der Körper trägt dich bis 30. Danach trägt dich der Kopf.
Kognitives Training kann altersbedingte mentale Abbauprozesse messbar verlangsamen, mit klaren Verbesserungen in Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Und wie ich es schon weiter oben angedeutet habe, das neuronale Plastizitätspotenzial bleibt bis ins späte Erwachsenenalter erhalten. (Quelle: Neural Plastic Effects of Cognitive Training on Aging Brain, NIH/PMC)
Aber Djokovic macht das nicht, weil er so gerne medizinisch, psychologische Studien liest. Er macht es, weil er auf dem Platz gemerkt hat, dass der, der nur den Körper trainiert, irgendwann vom eigenen Kopf gebremst wird.
Und jetzt schau auf deinen Alltag
Du liest vielleicht Artikel wie diese hier. Du nimmst an Meetings teil, löst Probleme, trägst Verantwortung für dich und andere. Bist ein:e Leistungsträger:in. Das ist gut, aber es ist nur mentale Beschäftigung, kein mentales Training.
Der Unterschied ist wie zwischen einem täglichen Spaziergang und einem gezielten Kraft- oder Ausdauertraining. Beides bewegt dich. Nur eines macht dich stärker.
Menschen, die ihr Leben lang regelmäßig anspruchsvollen mentalen Aktivitäten nachgehen, haben ein messbar geringeres Risiko für kognitiven Abbau. Dieser Schutz ist aufbaubar, aber er ist von deiner eigenen Aktivität abhängig. (Quelle: Harnessing brain and cognitive reserve for the prevention of dementia, NIH/PMC)
Was du heute noch tun kannst
Stift und Papier. Kein Handy. Zehn Minuten. Warum Stift und Papier? Weil deine Handschrift das Gehirn anders aktiviert als Tippen, motorische, sprachliche und kognitive Prozesse gleichzeitig. Das ist kein Mythos, das ist messbar. Und bereits genau das ist mentales Training.
Drei Fragen, spezifisch für deine mentale Longevity:
- Eine Überzeugung, die du seit Jahren nicht mehr hinterfragt hast. Schreib sie auf. Stimmt sie noch?
- Eine Situation aus den letzten zwei Wochen, in der du unter Druck anders reagiert hast als du wolltest. Was ist da wirklich passiert?
- Eine Fähigkeit deines Kopfes, die du in den letzten zwölf Monaten aktiv weiterentwickelt hast. Wenn dir keine einfällt, dann ist das gleichermaßen eine Information.
Wie gesagt, Djokovic macht das täglich. Nicht weil er mehr Zeit hat als du. Sondern weil er verstanden hat, was ihn wirklich trägt.
Cremes, die Supplements, Kältekammer, alles gut, aber das Organ, bei dem kein Muskel zwickt und kein Knochen schmerzt, und das theoretisch bis kurz vor dem Tod dazulernen kann?
Das bekommt noch viel zu wenig von dem, was viele bereit sind in Form von Tabletten etc., in sich hineinzustopfen.
Mentale Stärke ist kein Produkt. Mentale Stärke sind unsichtbare Faktoren, die gezielt trainiert werden wollen.
#PlayMentallyStronger
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